07.10.2010
Von Bo bis Banjul
Morgens um halb 6 hat uns ein Taxifahrerfreund von Rob vor seinem Haus abgeholt und zur Taxistation Richtung sierra leonischer Grenze gebracht hat. Weil wir keine Ahnung hatten, wie teuer eine Fahrt dort hin ist (da hat uns unser Lonely Planet ausnahmsweise mal im Stich gelassen) haben wir aus Versehen ein Taxi fuer uns alleine gechartert. Das haben wir allerdings erst spaeter gemerkt. Vorher sind wir vor Angst fast gestorben, weil der Fahrer und ein anderer sehr komischer Typ auf einmal einfach ohne andere Fahrgaeste losgefahren sind und wir bei jedem Feldweg dachten, dass sie uns gleich unser ganzes Gepaeck abnehmen. Das war zum Glueck nicht der Fall und angekommen an der Grenze sind wir auch problemlos nach Sierra Leone eingereist. Wir haben schnell einen Weitertransport (Peugeot 505 mit 11 Fahrgaesten und noch ein paar Typen auf dem Dach) gefunden, allerdings hat es einige Stunden gedauert bis wir tatsaechlich losgefahren sind und der Fahrer waere natuerlich nie auf die Idee gekommen, die Zeit zu nutzen mal zu schauen ob das Auto ueberhaupt funktioniert. So kam es, dass wir etwa alle 15 Minuten entweder fast eins der Raeder verloren haben oder der Motor versagt hat. Jedes Mal, wenn wir eine Panne hatten, ging danach eine der Tueren (nie die gleiche) nicht mehr zu und es hat nochmal 5 Minuten und jede Menge Gewalt gebraucht bis wir weitergekommen sind. Die anderen Fahrgaeste waren dafuer ganz nett. Mein Sitznachbar, ein 72-jaehriger Liberianer (fuer Afrika ist das wirklich steinalt) hat mir Fotos von seiner Kindern und Enkeln gezeigt und Popcorn in mich reingestopft und die anderen Mitreisenden haben sich brennend fuer das deutsche Steuersystem interessiert und wollten wissen, wie es denn sein kann, dass Deutschland fuer Krankenversicherungen, Unis etc. bezahlt. Nach einigen Stunden, als der Fahrer einen Pickup anheuern musste, um unser Auto einen Huegel raufzuziehen und es ausserdem richtig angefangen hat zu regnen, haben sie ordentlich Randale gemacht, den Fahrer beschimpft und einige sind in den Pickup umgestiegen. Relativ spaet abends sind wir schliesslich doch noch in Bo, der zweitgroessten Stadt Sierra Leones angekommen und unser Fahrer hat uns zum Glueck direkt zum billigsten Hotel gebracht. Es gab dort weder Licht noch Wasser, das Hauptproblem war aber, dass der Typ, der uns das Zimmer gegeben hat, eigentlich nicht das Recht dazu gehabt haette, weil das Hotel eigentlich seinem Onkel gehoert hat. Morgens um 6 hat er uns dehalb einfach mal aus dem Bett geschmissen, damit sein Onkel nichts davon mitgekommt. Das fanden wir eher mittelamuesant, aber wohl oder uebel sind wir so deutlich frueher als geplant zum Busbahnhof nach Freetown gefahren und haben in dem Bus zur allgemeinen Freude einige unserer Mitreisenden vom Vortag wiedergetroffen.
In Freetown sind wir mal wieder couchgesurft, diesmal bei dem Amerikaner Kevin, der fuer die Food and Agricultural Organization, einer Unterorganisation der UN, arbeitet. Die folgenden Tage haben wir ein bisschen Freetown erkundet und festgestellt, dass Sierra LeonerInnen (?) unfassbar freundlich sind. Als wir kein Taxi gefunden haben, hat uns einfach ein voellig Fremder in seinem Auto mitgenommen und ist fuer uns einen Umweg gefahren, wenn wir den Weg nicht gefunden haben, haben uns die Leute sofort weitergeholfen und sich dafuer bedankt, dass sie uns helfen durften und wenn es geregnet hat, haben sie sich dafuer bei uns entschuldigt. Im Vergleich zu Liberia scheint der Krieg viel laenger her zu sein: Es sind keine Blauhelme mehr vor Ort, Freetown wirkt voellig unbeschaedigt (keine Einschussloecher in den Haeusern wie in der Elfenbeinkueste oder Liberia) und die die ehemaligen Kindersoldaten sind relativ gut integriert und arbeiten in der Regel als als Taxi- oder Motofahrer. Das einzige was an den Krieg erinnert, ist der Anblick relativ vieler Menschen in den Doerfern mit abgehackten Gliedmassen… Anscheinend haben die Truth and Reconciliation Commissions nach ruandischem und suedafrikanischen Vorbild relativ gut gearbeitet, so dass die Menschen trotz der aneinander begangenen Verbrechen relativ friedlich miteinander leben koennen, obwohl es vor allem in Freetown immer noch viele Displaced Persons gibt.
Ansonsten haben wir die Straende in der Umgebung erkundet und waren ziemlich begeistert: Sanft ins Meer abfallende gruene Huegel, weisse Straende und keine TouristInnen. Ausserdem haben wir zwei Tage auf den Banana Islands vor der Kueste Sierra Leones verbracht. Dort hinzukommen ist relativ schwierig mit mehreren Poda Podas (sierra leonische Buschtaxis) und einem Boot verbunden mit harten Preisverhandlungen. Auf der Insel gibt es nicht viel, also genau genommen eine “Stadt” Dublin. Dublin besteht aus etwa 30 Haeusern und 2 Guesthouses mitten im Busch verbunden nur durch Trampelwege. Dafuer gibt es menschenleere Straende, gute Schnorchelmoeglichkeiten und jede Menge Wildlife. Davon fuer meinen Geschmack allerdings leider fast zuviel: Wir mussten unser Zimmer mit unzaehligen Spinnen, Tausendfuesslern, Asseln und sonstigen Insekten teilen und hatten sogar Buschratten im Bett. Ausserdem war das Dach alles andere als wasserdicht, was dazu gefuehrt hat, dass wir einen Bach quer durchs Zimmer laufen hatten. Der Rueckweg war wieder relativ schwierig und vor allem teuer, weil an dem Tag einfach mal kein oeffentliches Boot gefahren ist und wir am naechsten Tag unseren Flug weiter nach The Gambia kriegen mussten.
Der Flughafen in Freetown liegt auf der anderen Seite vom Fluss ausserhalb der Stadt und ist nur per Boot oder Hubschrauber zu erreichen. In unserem Flugticket war zum Glueck die Ueberfahrt mit einer Luxusfaehre inbegriffen und wir konnten es kaum fassen, als eine Bootsstewardess ploetzlich erklaert hat, wie man Schwimmwesten richtig anlegt und kalte Getraenke serviert hat. Weniger angenehm waren die Christiana Love Musikvideos. Christiana Love ist wohl die schrecklichste Gospelsaengerin aller Zeiten und hat mehr oder weniger ihr ganzes Album (Jesus zum Besten gegeben. Der Flughafen war leider nicht ganz so professionell und uns wurde nicht mal gesagt, wann unser Flug eigentlich losgeht. Dafuer gab es den wohl geschmacklosesten Souvenirshop der Welt mit Tshirts mit der Aufschrift: Sierra Leone Herz War is not the solution… Da waren wir dann doch sprachlos.
In Banjul sind wir mit den ueblichen drei Stunden Verspaetung angekommen und hatten erstmal noch einigen Aerger mit einem nicht ganz so freundlichen Taxifahrer. Obwohl es mittlerweile ziemlich spaet war konnte uns der nette, tuerkische Couchsurfer Cumhur noch abholen. In Gambia haben wir nicht viel Zeit verbacht und nur einen Tag lang, den Strand und die naehrere Umgebung erkundet. Der Strand war zwar ganz nett, allerdings musste ich mich ziemlich fuer die zahlreich vertretenen deutschen Sextouristinnen fremdschaemen und es war gut anstrengend, die Gambier auf Kundinnensuche abzuwimmeln. Von Banjul, der Hauptstadt Gambias, aus haben wir eine Faehre ueber den Fluss genommen und sind auf der anderen Seite weiter Richtung Dakar, Senegal, gefahren.




